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Von der Liebe zur Vielfalt – Der Kanzigarten

von Vanessa Rainer

2018 haben wir mit unserem Gemeinschaftsgarten in Finkenstein begonnen. Unser Anliegen war - und ist es nach wie vor - unsere Bedürfnisse aus dem eigenen Lebensraum zu decken. Wir wollten nicht mehr länger auf Kosten von Menschen und Ökosystemen leben. Wir versuchen deshalb, schrittweise immer unabhängiger von globalen Warenströmen und kapitalistischen Versorgungsstrukturen zu werden. 2018 haben Ina und Alfred uns liebevoll eingeladen, bei ihnen am Feld Lebensmittel anzubauen und wir nahmen die Einladung mit Freude und Motivation an.

So hieß es erstmal Kartoffeln setzen, damit der Boden locker wird und in den folgenden Jahren leichter zu bearbeiten ist. Im Jahr darauf pflanzten wir das erste Gemüse und 2020 wurden schon die ersten fixen Beete angelegt. Unser „Acker“ - wie wir anfangs nannten - begann sich in einen Garten zu verwandeln. Wir nannten ihn in der Folge „Kanzigarten“, was natürlich mit der unmittelbaren Nähe zum Kanzianiberg zu tun hat. Nun sind bereits vier Jahre vergangen und betritt man den Garten, kann man kaum glauben, dass es sich hier einst um ein Feld handelte.

Unser gemeinsam und schrittweise gestalteter „Kanzigarten“ entwickelte sich immer mehr zum Garten der Vielfalt. Und das „Gärtnern“ ist für viele von uns nicht nur noch Mittel zum Zweck der Selbstversorgung, sondern vielmehr treffen wir uns in einem Lebensgarten – einem Raum der Begegnung, der Lebendigkeit und des Entdeckens.

Gärtnern in Gemeinschaft

Eine unserer grundlegenden Visionen für uns als Bewegung - aber auch für die Gesellschaft auf globaler Ebene – ist, dass unsere Versorgung von der Gemeinschaft anstatt von ausbeuterischen, geldvermittelten Strukturen, getragen wird. Deshalb war der „Kanzigarten“ von Anfang an ein Gemeinschaftsgarten - und so vielfältig die Menschen sind, die im Garten mitwirken, so verschieden sind auch die Zugänge des „Gärtnerns“.

Einige von uns haben ein eigenes Beet und betrachten dieses als Experimentierfeld. Einige konzentrieren sich auf bestimmte Gemüsesorten und pflanzen diese für alle an. Und zusätzlich gibt es Felder und Beete – wie zum Beispiel die Kräuterbeete und das neu-entstandene Tomatenhaus - die von allen gemeinsam bepflanzt und beerntet werden.

Was kaum passiert, ist, dass man nur eine:n einzige:n von uns im Garten antrifft. Das Gärtnern in Gemeinschaft macht uns so viel Freude, dass wir in Fahrgemeinschaften anreisen, zusammen jäten und pflanzen und wann immer es passt, gemeinsam pausieren, die Sonne genießen und frühstücken.

Viele Gärtner:innen bringen vielfältige Perspektiven

Die Vielfalt, so stellt sich immer wieder heraus, ist für uns an erster Stelle. Wir wollen öde, leblose Monokultur-Landschaften mit Farbe, Abwechslung und „geplantem Chaos“ durchbrechen. Die Vielfalt spiegelt sich doch nicht nur in den Gemüse- und Kräutersorten, den Gartenmethoden, den angelegten Beeten und den sich ansiedelnden Nützlingen wieder, sondern vor allem in unserer Gemeinschaft und unseren Perspektiven. So sehen wir es auch als eine Notwendigkeit an, in einem lebendigen Bericht vielen Eindrücken und Stimmen Raum zu geben. Einige Erdlinge erzählten mir von der heurigen Gartensaison ...

Für unsere Birgit war heuer vor allem die Tomatenvielfalt überwältigend. Noch nie hatten wir so viele Tomaten, die uns mit unglaublich vielen Früchten beschenkten. Im neu konstruierten Tomatenhaus – das wir zudem auch noch mit Weinreben bepflanzten – hatten wir dieses Jahr nicht einmal ein Problem mit Braunfäule. Birgit hat sich in die Vielfalt verliebt und sich deswegen darum bemüht, von allen Sorten Saatgut zu gewinnen, die wir nächstes Jahr wieder pflanzen wollen und die Überschüsse natürlich auch bei Saatgutfesten verschenken werden. Außerdem ist Birgit begeistert von der ersten Yacón-Ernte. Was das ist? Eine Pflanze, die mit Sonnenblumen und Topinampur verwandt ist, deren Wurzelknollen herrlich-fruchtig und erfrischend schmecken. Ein kleiner Tipp von Birgit: Sie schmecken roh besser als verkocht.

Für unseren Gernot (Dorfer) – bekannt als unser Kompostier- und Fermentier-Profi – war heuer ein ganz besonderes Jahr, denn es war seine erste volle Saison als Teil der Kanzigarten-Gemeinschaft. Seine Gestaltungselemente sind nicht zu übersehen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur ein Insektenhotel, sondern eine Insekten-Hochburg zu errichten. Er sammelte über das ganze Jahr alles an angefallenen Pflanzenmaterial – Baumstämme, Äste, Heckenschnitt, Kompost und alles andere was irgendjemand weggeschnitten hat – und schichtete es behutsam auf. Das Ergebnis lässt sich sehen und Teile davon werden bereits von unterschiedlichen Insekten bewohnt. Gernot hat auch seine Liebe zu Topinampur entdeckt. Letztes Jahr wurden sie noch gejätet und als Beiwuchs betrachtet, heuer dafür sogar extra von ihm gepflanzt. Die erste Ernte war fantastisch und – was auch sonst – Teile davon wurden fermentiert und warten auf Verkostung.

Unsere Jozefina erfreut sich besonders am Da-Sein, denn im Garten sein ist für sie immer ein Highlight. Ganz egal was an diesem Tag ansteht. Sie hat gemeinsam mit unserer Melanie ein besonders hübsches, rundes und mit Steinen umrandetes Beet angelegt und gepflegt. Jozefina ist immer dankbar, den Garten und alles was darin lebt hautnah erleben zu dürfen. Mit ihrem besonderen Blick und ihrer Liebe zur Fotografie, ist es für sie außerordentlich erfreulich, die Vielfalt vor die Linse zu bekommen und für alle sichtbar zu machen. Sie freut sich über das Zusammensein, das frühstücken bei Sonnenaufgang und das gemeinsame Arbeiten im Garten. Schön ist es für sie auch, wenn sie den Pferden nebenan beim Grasen zusehen kann.

Unser Gernot (Maximilian) – bekannt als unser aller Erdepapa, Bienenhüter und Hügelbeet-Spezialist – hatte heuer die meiste Freude an „seinem“ Hügelbeet. Seines, weil er es ist, der dieses eine Hügelbeet seit drei Jahren kontinuierlich aufbaut, schichtet und immer wieder aufs Neue mit Liebe bepflanzt und mulcht. Heuer gedieh es besonders saftig und er ist fasziniert davon, wie es sich von alleine und ohne jegliches Zutun erhält, weil es so viel Feuchtigkeit speichert. Und die Pflanzen, die darauf wachsen, sprechen für sich – sie bringen unglaubliche Erträge und werden kaum von Schädlingen oder Fäulnis befallen. Gernot hat heuer alles kreuz und quer – gegen alle Empfehlungen der Mischkultur – gesetzt und hatte viel Freude daran, das Gemüse mit Blumen abzuwechseln. „So ist es das ganze Jahr über bunt“.

Unsere Sonja bepflanzt gemeinsam mit David fünf Beete und beschäftigt sich viel mit der Praxis der Mischkultur und der Kulturfolge. Das naturnahe Gärtnern sowie gesunde Lebensmittel sind für sie besonders wichtig, doch heuer machte das Leben es nicht möglich, viel Zeit im Garten zu verbringen. So geschah es, dass sie einst in den Garten kam, voller Vorfreude den gesetzten Fenchel zu ernten. Zuerst kam kurz Ärgernis auf, weil er in die Blüte ging. Doch dann entdeckte sie eine hübsche Schwalbenschwanz-Raupe an den Blüten. Für die Vielfaltsliebhaberin war die Freude noch größer zu sehen, dass Nützlinge den ausgeschossenen Fenchel liebten, alsdass sie bei der Ernte hätte sein können.

Unser Anton ist heuer neu dazugekommen – kaum lernten wir uns kennen, schon packte er mit Enthusiasmus überall an, wo es nötig war. So ging er auch mit in den Garten und half bei allem, was gerade anstand. Eine besondere Erfahrung war für ihn das Erlernen einer traditionellen, kärntnerischen Methode des Dengelns. Mit frisch geschärfter Sense mähte er bei Sonnenaufgang das Gras im Kanzigarten und machte den Wunsch, so wenig „Fremdenergie-aufwendige“ und in den Lebensraum eingreifende Maschinen wie möglich zu verwenden, zur Realität. Auch er hat das Beisammensein sehr genossen und freut sich schon auf die kommende Gartensaison.

Und ich? Bedauerlicherweise war ich heuer zwei einzige Male im Garten – einmal um Pflanzen zu setzen und einmal, um zu sehen, was aus den Beeten geworden ist. Zu viel hatte ich um die Ohren, zu viele Projekte zugleich am Laufen. Trotzdem machten Sascha und ich heuer eine einzigartige Erfahrung, für die wir unglaublich dankbar sind. Obwohl wir heuer wirklich nichts dazu beigetragen haben, wurden wir beinahe jede Woche mit einem kleinen Erntekisterl, das in der E.R.D.E.* auf uns wartete, überrascht. Zwei Mal ist die Gartentruppe sogar extra Zuhause vorbeigekommen, um uns so frisch wie möglich die Ernte zu übergeben. Uns beiden wurde klar, was es wirklich bedeutet, wenn die Versorgung „von einer Gemeinschaft getragen ist“. Es bedeutet nicht, immer überall sein zu müssen, sondern da zu sein, wo man gerade gebraucht wird. Es bedeutet, auf menschliche Beziehungen zu bauen. Es bedeutet, nicht mehr zu tauschen – Zeit gegen Ernte – sondern mit Liebe und Freude, so oder so, mitgedacht und mitversorgt zu werden.

Die Vielfalt muss natürlich auch gefeiert werden

Wie schon in den letzten beiden Jahren machten wir gegen Ende der Saison ein kleines, aber sehr feines Fest. Wir feierten das Beisammensein, die vielen schönen Begegnungen mit der Natur, die neu-erlernten Fähigkeiten... und vor allem den Geschmack und die Bedeutung der Vielfalt.

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