“100 Stunden ohne Konsum” auf der Klagenfurter Herbstmesse

Wir, Sascha Jabali (30) und Vanessa Rainer (28), stellen uns auf der Klagenfurter Herbstmesse einem besonderen Experiment: Inmitten einer Konsumveranstaltung, wollen wir in der "GoGreen"-Nachhaltigkeitshalle zeigen, dass es auch anders geht. Ein Leben frei von Ausbeutung, Konkurrenz, Konsum und Tauschlogik ist unsere Vision und in den fünf Tagen der Herbstmesse, wollen wir lernen, wie wir dieser Utopie näher kommen können. Wir sind auf dem Weg unsere Vision schrittweise zur Realität zu machen und wollen die Gelegenheit nutzen, um Menschen dazu einzuladen dies gemeinsam zu tun.

Verantwortung für die Erde: Der Beginn einer Reise

Wir beide lernten uns 2013 kennen und stellten sehr schnell fest, dass es mehr ist was uns verbindet. Schon kurz nachdem wir uns trafen erkannten wir, dass wir die Welt durch dasselbe Fenster betrachten. Wir waren uns beide darüber bewusst, dass wir in der westlichen Welt - so auch in Österreich - einen Lebensstil führen, der nicht nur unsere Lebensgrundlagen zerstört, sondern auch unzählige Menschen tagtäglich ausbeutet. Zudem machen wir mit unserem Lebensstil und Konsumwahn das Leben für zukünftige Generationen schlichtweg unmöglich.

Wir beide fühlten, dass wir nicht mehr tatenlos zusehen und schon garnicht Teil davon sein wollen. Im jahr 2015 riefen wir gemeinsam mit einigen anderen „Erdlingen“ die Bewegung "Verantwortung Erde" ins Leben. Nach einem unglaublich erfahrungsreichen Wahlfrieden zogen wir - wider allen Erwartungen, aber mit viel Hoffnung und der Idee Villach zur essbaren Stadt zu machen - mit einem Mandat in den Villacher Gemeinderat ein. Damit war es besiegelt - unsere Gedanken haben gesellschaftliche Relevanz erlangt und zumindest 3,6% der Villacher WählerInnen empfand, dass es Menschen braucht, die Verantwortung für die Erde übernehmen und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit nicht nur einfordern, sondern auch entwickeln und praktisch erproben. Denn das war von Anfang an unser Ansatz: Wir wollen bewegen, innerhalb sowie außerhalb der Parlamente. Die globalen Zusammenhänge erkennen und auf lokaler Ebene handeln.

Wir begannen mit vielen Projekten zugleich, ahnungslos wo uns die Reise hinführt. Wir besiedelten unseren seither stetig wachsenden Freiraum - die E.R.D.E.* - in der Willroiderstraße in Villach und die erste essbare Oase mitten in der Villacher Innenstadt entstand vor der eigenen Haustüre. Im Jahr darauf durften wir erstmals Teile der öffentlichen Grünflächen essbar Begrünen, die erste Schenkbox Kärntens wurde im Garten E.R.D.E.* errichtet und Veranstaltungen, wie die Saatgut-Feste, Schenk-Feste oder "Villach lebt Vielfalt"fanden großen Anklang. Alles lief wie geschmiert, doch die immer intensiver werdende politische Arbeit hinterließ ihre Spuren, denn wir erkannten, dass es viel mehr braucht als ein paar kosmetische Eingriffe. Wir müssen an die Wurzel, um die Klimakatastrophe nicht weiter zu befeuern.

Die Wirtschaft, das Wachstum und der Konsum

Durch unser politisches Interesse und das Bedürfnis gesellschafts-gestaltend zu wirken, erkannten wir immer mehr die Zusammenhänge zwischen der Wirtschaft - mitsamt ihrem Wachstumszwang - und der schonungslosen Zerstörung unserer Welt und die damit einhergehende Zerstörung der Menschen, unserer selbst. Unser gesellschaftlicher Zeitgeist ist gefangen in einer Logik, die auf endlosem Wachstum basiert. Wir folgen dem Zwang über alle Grenzen hinaus zu wachsen, ganz außer Acht lassend, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Wir versiegeln unbegreiflich viel Boden und fruchtbares Land für Arbeitsplätze und die Produktion von Waren und Gütern, die nicht unseren Bedürfnissen entsprechen. Wir vergiften unsere Böden und vernichten die Artenvielfalt für die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln, für Profit. Wir behandeln Tiere als wären sie eine Ware und karren sie von einem Land ins andere, um sie dort billiger zu schlachten und ihre Kadaver in Plastik verpackt zurück zu karren. Wir bauen immer mehr Einkaufszentren an den Stadträndern um das Konsumieren möglichst bequem und widerstandslos zu gestalten, während wir Orts- und Stadtkerne aussterben lassen. Ganz nebenbei gleiten wir immer weiter in die Abhängigkeit großer Industrien und Märkte und verneigen uns diesen ungreifbaren Kräften in stiller Hörigkeit.

All das legitimieren wir tagtäglich mit einer einzigen Handlung: dem direkten Tausch eines Scheins mit einer Ware. Kurz: unserem Konsum.

Eine Lebensentscheidung

Mit all diesen Erkenntnissen, ging die Entscheidung einher ein anderes Leben zu führen. Ein Leben, das frei ist von Ausbeutung und Zerstörung - ein Leben, befreit von Konsum. Doch das lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen. Wir begannen erstmals damit selbst - ganz ohne Vorkenntnisse und entsprechender Ausbildung - unsere eigenen Lebensmittel anzubauen und uns mit natürlichen Heil- und alten Hausmitteln auseinander zu setzen. Darüber hinaus wurden Netzwerke aufgebaut, die es uns ermöglichen Vorhandenes sinnvoll zu nutzen. Dies bedeutet einerseits, dass wir Beziehungen aufbauen mit deren Hilfe wir Dinge reparieren und wiederverwenden können. Allem voran aber können wir in der Gemeinschaft Ressourcen miteinander teilen - sie dort einsetzen, wo sie wirklich gebraucht werden, anstatt sie in irgendeinem Keller verstauben zu lassen. Wir verwenden Dinge und Gegenstände, die andere längst wegwerfen würden und leben somit auch vom "Abfall" unserer Gesellschaft. Auf vieles verzichten wir, weil es keinen Spaß mehr macht es zu konsumieren, und viele Produkte ersetzen wir durch selbst hergestellte, die viel weniger Ressourcen und Energieaufwand benötigen. Tagtäglich lernen wir dazu und sind bereit Neues zu erproben - wir sind in einem kontinuierlichen Prozess und auch darauf angewiesen, uns jeden Tag neu zu erfinden. Wir kommen unserer Vision täglich einen Schritt näher - einem Leben frei von Geld und Konsum.

Von der Notwendigkeit und ungewöhnlichen Gelegenheiten

Wieso wir uns nun in die "Höhle des Löwen" begeben und uns inmitten der Klagenfurter Herbstmesse dem Experiment "100 Stunden ohne Konsum" stellen? Die Antwort ist einfach - weil es schlichtweg notwendig ist! Es ist höchste Zeit, dass wir uns von unseren alten Denkmustern befreien und unser aller Leben grundlegend ändern – dazu möchten wir einladen - zugunsten zukünftiger Generationen und des Planeten. Wir wollen die Gelegenheit des Experiments nutzen, um einerseits von anderen Menschen und ihren Fähigkeiten zu lernen und andererseits unsere eigenen Erfahrungen zu teilen. Wir wollen uns mit Menschen aus ganz Kärnten und vielen anderen Orten austauschen und vernetzen. Vor allem aber ist es uns ein Bedürfnis der Welt zu zeigen, wie erfüllend es sein kann, sich über seine eigenen Bedürfnisse klar zu werden und selbst und mit vielen Mitmenschen dafür aufzukommen.

Wir tragen die Hoffnung in uns, dass wir es schaffen die Notbremse zu ziehen und unser Zusammenleben auf diesem Planten friedlich, solidarisch und im Einklang mit der Erde, und all dem Leben auf ihr, gestalten können. Wir alle haben die Möglichkeit Verantwortung für die Erde zu übernehmen und die Welt zu gestalten, wie wir sie uns wünschen. Wir sind nur eine Entscheidung davon entfernt. Eine andere Welt ist pflanzbar!

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  1. Pingback: “100 Stunden ohne Konsum” – Ein kurzer Rückblick und Rezepte aus den Workshops – Verantwortung Erde

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